In unserer Dezemberausgabe des Trotzfunks gaben wir uns einen Arbeitsauftrag. Er ist hier zu hören und zu lesen: https://trotzfunk-marburg.de/neugruendung-der-afd-jugend-ein-arbeitsauftrag/
Anschließend hörten wir aus Primo Levis erschütternder Auschwitzerzählung „Ist das ein Mensch?“ das Kapitel „Oktober 1944“, in dem Levi von der Selektion durch die SS berichtet.
Danach sprangen wir mit Georg Auernheimer in das Jahr 1998. Wir zitierten aus seinem Buch „Zweierlei Antisemitismus. Staatsräson vor universellen Menschenrechten?, Köln 2025“ die Stelle (S. 84 – 85), in der es um die Walser-Bubis-Debatte geht. Martin Walser verweigerte auf höchst selbstmitleidige Weise in seiner Dankesrede für die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998 die Beschäftigung mit den Naziverbrechen und nannte das sich damals in der Planung befindliche Holocaust-Denkmal in Berlin eine „Monumentalisierung der Schande“. Das fand das Paulskirchenpublikum so klasse, dass es Walser bis auf wenige Ausnahmen stehend applaudierte. Was in diesem Moment in Ignatz Bubis, dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden, vorgegangen sein mag, können wir nur erahnen. Doch ließ er die Sache eben nicht auf sich beruhen und kritisierte Walser wegen dieser Rede scharf. Das ging als Walser-Bubis-Debatte in die Geschichte ein, die einige Monate währte.
Schließlich gelangten wir in unsere Gegenwart und beschäftigten uns am Beispiel Martin Sellners mit dem politischen Denken der Neuen Rechten und der Neugründung der AfD-Jugend.
Skript zum Text:
Das politische Denken der Neuen Rechten am Beispiel Martin Sellners und die Neugründung der AfD – Jugend:
Rund 25 Jahre später (nach der Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels) zieht es einen Martin Sellner, Kopf der Identitären Bewegung, noch viel weiter nach rechts. Ihm sind die singulären Menschheitsverbrechen des deutschen Faschismus „Exzesse“.1 So formuliert er es in seinem Buch „Remigration, Ein Vorschlag“. Und so formuliert halt einer, der prinzipiell mit dem Nationalsozialismus konform geht, nur übertrieben hätten sie es damals halt, die Nazis. Nun steht es uns durchaus fern, mit einem politischen Denker vom Schlage Sellners über Moral diskutieren zu wollen. Aber in Zeiten, wo der politische Wind in Deutschland wieder kräftig nach rechts weht, muss festgehalten werden, dass der faschistische Auslöschungs- und Versklavungswille der von den Nazis als solche definierten jüdischen, zigeunerischen, slawischen, behinderten und weiteren Menschengruppen kein Exzess war, sondern vielmehr ihrem rassistischen, antisemitischen, sozialdarwinistischen, eugenischen, militaristischen und völkisch-nationalistischen Wesen entsprang.
Es ist völlig natürlich, dass die völkisch-nationalistischen Denker von heute die Erinnerung an die Zeit des deutschen Faschismus unendlich nervt, zeigt sie doch, wohin ein solches Denken führt und zumindest noch hat dieses Erinnern eine gewisse, nach rechts abschreckende Wirkung. Dem Erinnern an die Geschichte des Nationalsozialismus muss aus der Rechtsaußen-Perspektive also gegengesteuert werden. Das kann demnächst womöglich ganz praktisch werden. In Sachsen-Anhalt wird kommendes Jahr der Landtag neu gewählt. Laut der Wahlprognosen kratzt die AfD dort schon an der 40 Prozent-Marke.2 Deren stellvertretender Landesvorsitzender und Kulturbeauftragte Hans-Thomas Tillschneider stellt in der Schulpolitik im Fall der Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt laut Tagesschau in Aussicht: „Mehr Bismarck, weniger Hitler“. Denn das 19. Jahrhundert sei wichtiger für die Identität der Deutschen.3 Und das ist ja durchaus folgerichtig, ist beispielsweise dem Ehrenvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, das „Tausendjährige Reich“ der Nazis ein bloßer Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.4
Abgesehen davon: Ob Demokrat:innen nun der Rekurs auf Bismarck und Preußens Glanz und Gloria als Vorbild und Identitätsstiftung für Schüler:innen gelten kann, ist doch wohl hoffentlich auch heute noch klar zu verneinen. Preußen war trotz aller nicht unbeachtlichen Modernisierungsleistungen vor allem ein militaristischer Obrigkeitsstaat. Wer ihn als positiven Bezugspunkt deutscher Geschichte oktroyieren will, hat über sein Demokratieverständnis auch schon alles gesagt.
Im Folgenden wollen wir die Ideologie der so genannten Neuen Rechten genauer anschauen. Als Referenz wählen wir für diesmal das Buch Martin Sellners „Remigration. Ein Vorschlag“. Dies aus zwei Gründen: Zum einen entzündeten sich die Demonstrationen im letzten Jahr gegen die Remigrationspläne der äußersten Rechten an einem durch die Medienplattform Correctiv bekannt gewordenen Treffen von Mitgliedern der AfD, CDU, ÖVP, des Vereins Werteunion, der Identitären Bewegung und weitere Personen in der Villa Adlon bei Potsdam, wo Sellner einen Vortrag zum Thema hielt.5 Durch die Lektüre seines Buchs selbst entziehen wir uns eigentlich sehr simpel der Frage, inwieweit es bei dem geheimen Treffen nahe Potsdam auch um die Frage der Ausweisung deutscher Staatsbürer:innen mit so genanntem Migrationshintergrund ging. Mensch kann es auch einfach nachlesen. Sellner wird in der Tat den Teufel tun, so etwas offen zu propagieren. Ist ihm der legalistische Anschein doch sehr gelegen. Da mag er von der NSDAP gelernt haben. Als Hitler mit Ludendorff gegen die Weimarer Republik putschte, brachte ihm das Festungshaft und die Illegalität seiner Partei ein. Beseitigt hat er die Republik ganz legal, beginnend mit seiner Ernennung zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Hindenburg am 30. Januar 1933. Der legalistische Schein einer vorgeblichen Grundgesetzakzeptanz ist bei Sellner nur eins, reine Taktik. Und natürlich hat er wie die gesamte Neue Rechte auch deutsche Staatsbürger:innen mit einem bestimmten Migrationshintergrund im Visier, wie zu zeigen sein wird.
Weiter darf Sellner als einer der einflussreichsten und bestens vernetzten politischen Denker der so genannten Neuen Rechten in Österreich und Deutschland gelten. Und schließlich unterscheiden sich die Ideologen der so genannten Neuen Rechten seit den Modernisierungsbestrebungen von Alain de Benoist und seiner Nouvelle Droite nicht besonders.6
Vordergründig abgeschworen wird in der Neuen Rechten dem Rassismus. Dieser unterteilt die Menschen in Menschenrassen ungleicher Wertigkeit. Ersetzt wird dieses Konzept durch den so genannten Ethnopluralismus.7 Die jeweiligen ethnisch wie räumlich gebundenen Kulturen seien gleichberechtigt, sollen aber in ihren jeweiligen Räumen verbleiben. Multikulturalismus bedeutet demnach den Tod der jeweiligen Raum gebundenen Kulturen. Insbesondere die Einwanderung aus dem arabischen und afrikanischen Raum sowie aus muslimisch geprägten Ländern sei das reinste Gift für die deutsche Ethnokultur.
Nun sind aber schon viele Menschen aus diesen Gegenden in Deutschland, die nach Ansicht der Neurechten nicht hierhin gehören. Sie werden von Sellner durchweg derart mit den negativsten Attributen belegt, dass der ethnopluralistisch angeblich überwundene old style-Rassismus an allen Ecken und Enden unübersehbar durchscheint. „Der Import fremder Ethnien“, so ein Ausdruck Sellners, bedeute den ethnokulturellen Volkstod der Deutschen.8 Was also tun? Sellner weiß Rat. Er unterteilt die Migrant:innen, die aus neurechter Sicht weg müssen, in drei Gruppen.
Gruppe A seien die Asylsuchenden. Mit denen werde man über entsprechende Asylrechtsänderungen schnell fertig. Rein komme keiner mehr. Auch aus der Genfer Flüchtlingskonvention sei auszutreten wie ebenso aus der Europäischen Menschenrechtskonvention.
Gruppe B seien die sonstigen Ausländer. Auch mit denen werde man schnell über entsprechende Regelungen im Aufenthalts- und Ausländerrecht fertig.
Gruppe C seien die Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft. Diese Gruppe sei problematisch. Sie ausweisen zu wollen bringe einen Konflikt mit dem Grundgesetz. Den gelte es unbedingt zu vermeiden. Doch auch bei dieser Gruppe sei man als nationaler Neurechter nicht hilflos. Zunächst einmal könne man mit einer Reform des Staatsbürgerrechts verhindern, dass noch mehr Unerwünschte aus der Gruppe B in die Gruppe C wechselten. Mit ihr sei vielmehr die umgekehrte Richtung, also von Gruppe C nach Gruppe B, zu erreichen. Die doppelte Staatsbürgerschaft sei abzuschaffen. Und die Übriggebliebenen? Die bearbeite man mit einer verschärften Assimilations- und Deislamisierungspolitik. Es gelte allein die nationalpatriotische, deutsche Leitkultur. Und was diese ist, bestimmen die Nazis. Fremde Sprachen, Religionen und kulturelle Praktiken hätten dann nichts mehr im öffentlichen Raum verloren. „Wohltemperierte Grausamkeit“ sei bei der Austreibung der Unerwünschten anzuwenden, formuliert Gesinnungsgenosse Björn Höcke.9
Für die zu Beseitigenden hat Sellner aber nicht nur die Peitsche parat, sondern auch deutsches Zuckerbrot. Großzügige Prämien solle es für die geben, die „freiwillig“ Deutschland verließen. Diese Gunst will Sellner auch gerne den „antideutschen“ Deutschen erweisen, womit die gesellschaftliche Linke gemeint sein dürfte.10
Ausweisen wollen diese neuen Faschisten Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und unerwünschtem Migrationshintergrund demnach nicht, bloß rausekeln. Und wenn sie sich nicht rausekeln lassen? Sellner droht:
„Je länger die überfällige Remigrationspolitik ausbleibt, desto radikalere Remigrationskonzepte werden entstehen. Wenn man die nötige Migrationsdebatte weiter hinauszögert und durch die „Politik der Schuld“ mit der Nazikeule unterdrückt, könnte es eines Tages zu einer überstürzten Remigrationspolitik kommen.“11
Und auch deswegen müsse Schluss sein mit dem „Schuldkult“. So bezeichnen die so genannten Neuen Rechten die Erinnerungskultur an die singulären Menschheitsverbrechen der Nazizeit. Wie meinte doch Hans-Thomas Tillschneider? „Mehr Bismarck, weniger Hitler“.
Und wie viele Menschen müssten nach Meinung des Österreichers Martin Sellner Deutschland verlassen? So 8 bis 9,5 Millionen werden es schon sein, schätzt er. Genaueres könne erst nach Aufstellung aller Menschen mit Migrationshintergrund in der BRD, gegliedert nach Herkunft, Aufenthaltstitel oder eventueller Staatsbürgerschaft, gesagt werden.12 Um die Erfassung aller unerwünschter Migrant:innen zu leisten, will Sellner einen so genannten Assimilationsmonitor institutionalisieren. Dazu gleich.
Zunächst sei Eile geboten, den deutschen ethnokulturellen Tod aufzuhalten. Sellner gibt den Wissenschaftler und gebraucht einen aus der Klimadiskussion entlehnten Terminus. 2045 sei der Kipppunkt erreicht. Bis dahin gebe es noch 5 Wahlperioden. Danach träten die Gesetze der ethnischen Wahl in Kraft. Soll heißen, nach 2045 sei die Zahl der Eingewanderten so hoch, dass sie ihre Beseitigung aus Deutschland durch die Wahl multikulturalistischer Parteien verhindern könnten. Nach 2045 verliere das ethnisch definierte deutsche Volk seine Souveränität.13 Schlaumeier Sellner wird diese Jahresangabe nicht zufällig gewählt haben. Ist den Faschisten das Jahr 1945 ja gleichbedeutend mit dem Verlust deutscher Souveränität und deutscher Eigentümlichkeit durch Amerikanisierung.
Wenn die so genannte demokratische Mitte, vorneweg die Unionsparteien, meint, sie könne mit einer zunehmend migrations- und flüchtlingsfeindlichen Politik der AfD das Wasser abgraben, so ist das gerade Gegenteil der Fall. Ihr völkischer und zunehmend bestimmender Flügel in der AfD, ganz zu schweigen von ihrer neualten Jugendorganisation „Generation Deutschland“ will weit, weit mehr. Und sie meinen es ernst! Menschen mit Migrationshintergrund aus „Arabien“ und Afrika sowie aus islamisch beeinflussten Ländern müssten raus aus Deutschland. Die müssen remigriert werden. Sie kämen aus raumfremden Kulturen. Die Deutschen sollen durch sie ausgetauscht werden. Sellner spricht in diesem Zusammenhang von Ersetzungsmigration.14 Sie bedrohe die deutsche Identität. Identitäre Migrationspolitik folge aber dem Prinzip des Identitätserhaltungsgrundsatzes. Aus ihm ergäbe sich das Primat der Remigration.15 Und aus der ethnisch definierten Identitätserhaltung ergibt sich auch der Antifeminismus der völkischen Rechten. Deutsche Mütter müssten zur Erhaltung der deutschen Ethnokultur deutlich mehr deutsche Kinder gebären. Womit auch gesagt wäre, wo im Weltbild der so genannten Neuen Rechten ihr Platz ist.16 Selbstverständlich hadert Sellner denn auch mit der Moderne. Denn die sei antinatalistisch, individualistisch, hedonistisch und promiskuitiv und passt daher so gar nicht in die reaktionäre Welt der Völkischen.17
Voraussetzung identitärer Migrationspolitik sei der „Assimilationsmonitor“. Denn zum Erhalt der deutschen Ethnokultur reiche Integration nicht aus. Der Fremde müsse wie bei den Borgs in Star Treks New Generation assimiliert werden. Der Österreicher Sellner gibt das Beispiel der von ihm so genannten Beutetürken. So habe man Türken genannt, die sich im Zuge der Osmanischen Eroberungszüge im heutigen Österreich angesiedelt hätten. Wenn diese hätten bleiben wollen, hätten sie zum Christentum konvertieren, Deutsch lernen und sich voll assimilieren müssen. Assimilation brauche oft mehrere Generationen und gehe nur in kleinen Dosen, weil ansonsten die Mehrheitsethnokultur kaputt ginge.18
Der Türke steht in Sellners Wien diesmal also nicht nur vor den Toren, schlimmer noch, er ist schon drin. Daher brauche es den Assimilationsmonitor. Um den abstoßenden Wahnsinn Sellners und seiner „Neurechten“ zu demonstrieren, zitieren wir ihn dazu, was der soll.
„Sobald die Mittel verfügbar sind, muß – auch bevor eine patriotische Partei in Regierungsverantwortung ist – ein demoskopisches Institut geschaffen werden, das einen jährlichen „Demographie- und Assimilationsmonitor“ herausgibt. Dieses erforscht und dokumentiert die ethnische und kulturelle Zusammensetzung und Veränderung der Bevölkerung wissenschaftlich. Neben der Integration, also der strukturellen und wirtschaftlichen Einfügung Fremder in unser Land, fokussiert sich das Institut auf die kulturelle Assimilation und den Faktor der Überfremdung…Alle verfügbaren sozialen und wirtschaftlichen Daten ebenso wie das Wahlverhalten fließen in die Analysen ein. Über intensive Umfragetätigkeit und andere demoskopische Instrumente (etwa Analyse von verfügbaren Daten in sozialen Netzwerken) werden persönliche Identifikation, Alltagssprache, Freundeskreis etc. in unterschiedlichen Gruppen erforscht. Sprachkenntnis und Sprachgebrauch, Herkunft des Freundeskreises, kulturelle und religiöse Überzeugungen sind ebenso zu werten wie die Wahrnehmung des Assimilationsgrades durch die Mehrheitsgesellschaft. Über diese Faktoren wird der Integrations- und Assimilationsstatus unterschiedlicher Herkunftsgruppen so genau wie möglich ermittelt und in Zahlenwerten ausgedrückt. Auch der Faktor der ethnischen Wahl kann – so detailliert wie nie zuvor – erforscht werden.“19
In einer Anmerkung präzisiert Sellner:
„Das Institut kann daher auch die Folgen der ethnischen Wahl und den Zeitpunkt des demographischen Kippunkts genauer berechnen. Auf einem „Demographiedashboard“ sollen diese Zahlen zur Verfügung gestellt und visualisiert werden. Parallel zu jeder Wahl könnte das Institut berechnen, wie sie ausgegangen wäre, wenn nur die Einheimischen, Europäer und Assimilierten, oder nur die Migranten bestimmter Herkunftsgruppen, inklusive all jener ohne Staatsbürgerschaft gewählt hätten. So ergibt sich ein klares Bild der Auswirkung von Einwanderung und Einbürgerung auf die Demokratie.“20
Beziehungsweise auf das, was ein völkischer Identitärer unter diesem Begriff verstehen mag. Der gelbe Stern der Nazis wird mit Sellners Assimilationsmonitor gewissermaßen digitalisiert und neuen Menschengruppen angeheftet: Menschen aus arabischen und afrikanischen Ländern sowie Muslimen. Sie sind der neue Sündenbock der heutigen Faschisten und werden ausschließlich mit höchst negativen Attributen belegt. Hier nur ein Beispiel einer sich bei Sellner schier endlos wiederholenden Litanei:
„Die Anzeichen für den Bevölkerungsaustausch sind auch im Alltag wahrnehmbar. Der Anstieg der Muslime in der Bevölkerung, der islamische Fundamentalismus und Terrorismus, die Häufung von Kriminalität (hier vor allem Deliktformen wie überfallartige Gruppenvergewaltigungen), Sozialmißbrauch und die Anzahl fremder Vornamen: Deutschland wird zu einer „Multiminoritätengesellschaft“, und die einheimische Mehrheit wird zu einer Volksgruppe unter vielen degradiert.“21
Und die Migranten, insbesondere die muslimischen Migranten, sind an allem Schuld.
„Der Bevölkerungsaustausch ist eindeutig eine zentrale Ursache für steigende Kriminalität, den Verlust der Sicherheit im öffentlichen Raum, die Überlastung des Sozial-, Schul- und Gesundheitssystems, den Anstieg der Mieten, die fortschreitende Versiegelung des Bodens und das Auftreten des islamischen Terrorismus.“22
Und zack ist die soziale Frage von einer des „Oben und Unten“ verwandelt in eine des „Innen und Außen“. Schon die historischen Nazis verwandelten den Klassenkampf in einen Rassenkampf. Nur gegen das „raffende Kapital“ müsse es gehen, erzählten sie den in der Wirtschaftskrise seit 1929 schwer in Bedrängnis geratenen kleinbürgerlichen Massen sowie den Arbeitern, bei ersteren durchaus erfolgreich. Und wer war das „raffende Kapital“? Das jüdische natürlich. Das arische Kapital war hingegen nur auf das Wohl der deutschen Volksgemeinschaft bedacht. Und wer störte die noch anderweitig? Auch wieder die Juden. Die hätten nämlich den Marxismus erfunden, um die deutsche Volksgemeinschaft durch die Propagierung des Klassenkampfes zu spalten und zu zerstören. Es müsse also gegen die Juden vorgegangen werden.
„Neurechte“ wie Sellner haben den Begriff der „Rasse“ wie gezeigt, in den der „Kulturethnie“ getauscht. Im wesentlichen ist das schon die ganze Modernisierungsleistung des neufaschistischen Denkens. Geradezu grotesk übrigens mutet die Suggestion an, als würde freiwillig nach Deutschland geflüchtet. Zur Analyse der Fluchtursachen müsste freilich tiefer geschürft werden als das bequeme Denken in völkischen Schablonen, nämlich in den Bewegungsgesetzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Aber politische Ökonomie ist die Sache Sellners nicht. Die ökonomischen Folgen seiner Deportationspolitik wischt er mit dem lapidaren Hinweis auf angebliche, nicht näher benannte Ökonomen weg, die vorrechneten, dass Migration eher belastend sei.23 Das war es zum Thema Ökonomie im Großen und Ganzen auch schon, die Kolleg:innen etwa in der Pflege werden es zur Kenntnis nehmen.
Und zwei Dinge seien an dieser Stelle einmal zum Komplex des islamistischen Fundamentalismus gesagt. Erstens ist es klar rassistisch, die Gesamtheit der Muslime mit ihm gleichzusetzen. Und zweitens sollte doch endlich einmal zur Kenntnis genommen werden, wer denn mit ihm kooperiert, wenn es im angeblichen nationalen Interesse sei wie jüngst wieder in Syrien. Auch dies freilich nichts Neues unter der Sonne des Kapitalismus.
Es ist allerdings schon scary, wie leicht sich gesellschaftliche Sündenböcke austauschen lassen. Dazu zwei kurze Ausschnitte aus dem Jugendroman von Elisabeth Zöller: „Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens.“ Der erste Ausschnitt erzählt, was die Lehrerin Steinkamp am Tag nach der Reichspogromnacht zur Klasse sagt:
„Frau Steinkamp tritt unter das Portrait des Führers und sagt: „Unser Führer muss sich wehren. Die Juden zerstören unser Volk. Sie zerstören unsere Kultur und unser Deutschtum.“24
Aus „die Juden zerstören unsere Kultur und unser Deutschtum“ ist heute „die Muslime zerstören unsere Kultur und unser Deutschtum“ geworden. So einfach geht ideologische Erneuerung auf völkisch.
Der zweite Ausschnitt handelt von der Rassenlehre der Nazis:
„Marie fragt, ob irgendjemand sie in Rassenkunde abhört. Sie schreiben morgen eine Arbeit. Der Vater verzieht sich, Bernhard verzieht sich. Anton sitzt ganz still da. Die Mutter nimmt das Blatt mit den vorbereiteten Fragen:
„Welche Rasse nimmt in der biologischen Rangordnung der einzelnen Menschenrassen den höchsten Rang ein?“, liest die Mutter fast tonlos vor.
„Die nordische oder arische Rasse“, antwortet Marie.
„Welche Rasse nimmt den niedrigsten Rang ein und ist somit als minderwertig anzusehen?“
„Die jüdische Rasse.“
„Wo tritt der kriminelle Charakter der Juden besonders hervor?“
„Im Erwerbsleben und in der Sittlichkeit“, sagt Marie.
„Wie wollen wir dem begegnen?“
„Durch Aussond…“
„Nein“, sagt die Mutter, „ich kann nicht mehr.“
„Wir müssen es aber können“, sagt Marie, „die Otte ist scharf. Und wehe, du schwächst an irgendeiner Stelle etwas ab.“
„Und wie geht es Lea und Sarah dabei, deinen jüdischen Mitschülerinnen?“
„Schlecht“, sagt Marie, „sehr schlecht. Besonders, wenn Frau Otte sie als >exemplarisches Beispiel< vorne aufstellt. Vor ein paar Tagen mussten wir sogar alle unsere Nase messen und sie mit Leas Nasenlänge vergleichen – Schwachsinn.“
Marie klappt ihr Buch zu.
„Dass du das nie sagst!“
Ich werd mich hüten.“25
Auch bei Sellner erscheint die Menschheit als der reinste Zoo. In ihm wurden die Rassen zu Kulturethnien, zwischen denen das bekannte sozialdarwinistische Verhältnis herrscht. Da haben wir zum einen gewachsene ethnische Minderheiten wie die Dänen, die Friesen, die deutschen Sinti und Roma sowie die Sorben. Die seien zu akzeptieren und hätten sich „über Phasen der Spannung und Versöhnung hinweg, in das Volk integriert“ und wiesen „eine gewisse Verwandtschaft und Verträglichkeit mit der Mehrheitsgesellschaft“ auf.26 So formuliert der „Neurechte“, dem die Menschheitsverbrechen der Nazis bloße Exzesse sind, in Bezug auf Roma und Sinti. Er nennt es Spannungen, wenn die Nazis an ihnen einen Völkermord verübten und 500.000 als so genannte Zigeuner töteten. Und hey, Spannungen, die kommen doch in den besten Familien vor, nicht? Alles nicht so wild, danach versöhnt man sich halt wieder, also Schwamm drüber, gibt sich Martin Sellner gönnerisch.
Dann identifiziert Sellner Einwanderergruppen aus nordostasiatischen Herkunftsländern. Die blieben zwar weitgehend unter sich und wiesen daher geringe Assimilationswerte auf. Aber immerhin seien sie wirtschaftlich, kriminologisch und kulturell bloß eine geringe bis gar keine Belastung. Daher gehörten auch sie nicht zur Zielgruppe einer Remigration.27 Ganz im Gegenteil zu den als schwerstens kriminell attributierten Muslimen. Wir lernen, Kriminalität ist bei den so genannten Neurechten eine Frage des jeweiligen Volkscharakters. Eine weitere, weder integrierbare noch assimilierbare Menschengruppe komme aus „Afroarabien“. Die bilde nämlich ethnoreligiös geschlossene Enklaven und beute das Sozialsystem mit tribalistischen Strategien aus, weiß Ethnokundler Martin Sellner.28
Er bilanziert:
„Assimilierte Migranten und integrierte Europäer aus verwandten Kulturen gehören mit uns zu den sogenannten Bevölkerungsaustauschverlierern. Sie profitieren als einzelne oder als integrierte „Community“ nicht von der Masseneinwanderung durch afroarabische Ersetzungsmigranten…Zu Bevölkerungsaustauschgewinnern zähle ich dagegen vor allem afroarabische und muslimische Enklaven, die über hohe Geburtenraten, eine starke, geschlossene Identität, eine politische Alternative zum bestehenden System (die islamische Scharia), enge Bindung an raumfremde Staaten und Mächte (die islamische Umma oder Nationalstaaten wie Pakistan und Algerien) und ein hohes demographisches Reservoir für Kettenmigration verfügen.“29
Damit wären die Fronten im neurechten Ethnokrieg genau abgesteckt, das Wir und Ihr klar für jedermann definiert. Die wollen uns mit ihrer raumfremden Kultur ersetzen. Ja, da müssen wir uns doch wehren! Ein solches Bild ist geradezu ein Paradebeispiel für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Individuen mit solchem Migrationshintergrund werden per se als nicht zugehörig, sogar feindlich identifiziert, der einzelne Mensch wird unkenntlich gemacht. Nichts ist essentiell neu an diesem faschistischen Denken, es ist der alte, verdorbene Wein in neuen Schläuchen.
Damit aber keiner Sellners Großzügigkeit in Bezug auf mit dem Deutschtum verwandten Kulturethnien missversteht, stellt Sellner noch einmal klar:
„Das Grundprinzip der identitären Migrationspolitik ist die Assimilation. Die Integration allein reicht nicht aus und widerspricht dem Identitätserhaltungsgrundsatz. Eine Ersetzungsmigration durch ausschließlich integrierte Migranten würde langfristig eine kulturelle Überfremdung unseres Landes bedeuten.“30
Dementsprechend müsse die Staatsbürgerschaft neu geregelt werden, nämlich möglichst abschreckend:
„Die Erlangung der Staatsbürgerschaft durch das Ius Soli, das seit 2000 als „Optionsmodell“ gilt, muß abgeschafft werden. Nur Kinder deutscher Eltern erhalten automatisch die Staatsbürgerschaft. Der Einbürgerungsvorgang muß dazu um einen „Assimilationsvertrag“ ergänzt werden. Hier verpflichtet sich der Neubürger zu wirtschaftlicher Leistung, Rechtstreue, Wahrung des nationalen Interesses und zum Schutz der ethnokulturellen Identität des Landes. Er schwört fremden Loyalitäten ab und bekennt sich vorbehaltlos zur Leitkultur. In den USA ist es sogar üblich, daß Einwanderer im Zuge einer „Naturalisierung“ auch ihren Namen ändern, um sich der amerikanischen Leitkultur anzupassen. Bestimmte religiöse Überzeugungen und Gebräuche, die mit unseren Werten nicht vereinbar sind, müssen glaubhaft abgelegt werden. Entsprechend dem Vorbild von Bahrain, Israel und Liechtenstein sind die Zeitrahmen und Voraussetzungen für den Staatsbürgerschaftserwerb deutlich anzuheben. Ein Vorschlag wäre ein ununterbrochener Aufenthalt von 15 Jahren (sieben Jahre für Europäer oder westliche Migranten), ein fünfjähriger Assimilationskurs, mündend in einen Assimilationsvertrag, überdurchschnittliche wirtschaftliche Leistungen, exzellente Deutschkenntnisse in Wort und Schrift, nachweisbare wirtschaftliche Integration und Assimilation in die Mehrheitsgesellschaft. Mögliche Faktoren dafür sind ein sauberes Strafregister, die Fähigkeit zur wirtschaftlichen Selbsterhaltung, besondere Leistungen oder Investitionen in das Land, keine schweren Erkrankungen, keine fremden Loyalitäten, kein politischer oder religiöser Extremismus etc. Darüber hinaus braucht es eine glaubhafte, persönliche Motivation, Teil des Landes zu werden. Umfassende Befragungen von geschultem Fachpersonal, Wissenstests und schließlich ein feierlicher Eid auf das Land, seine Fahne und sein Volk stellen sicher, daß der Assimilationsvertrag Substanz hat. Wie von zahlreichen Politikern im Zuge der „Hamas-Demonstrationen“ Ende des Jahres 2023 gefordert, soll die Staatsbürgerschaft rückwirkend auflösbar sein, sollte man gegen den Assimilationsvertrag verstoßen.“31
Mit anderen Worten, wenn aus dem muslimischen Einwanderer wider Sellners und sonstiger Nazis Erwartungen ein strammer, christlicher Deutschnationalist gebacken werden sollte, könnte vielleicht und unter Umständen eine Einbürgerung in Erwägung gezogen werden, die allerdings jederzeit wieder rückgängig gemacht werden könnte, erwischte man den Filou auf dem Gebetsteppich sich gen Osten verneigend. Es hat schon etwas unfreiwillig komisches, wenn Rechtsaußenagitatoren wie Sellner von Anderen die Absage an den politischen Extremismus fordern. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, wenn der „feierliche Eid auf das Land, seine Fahne und sein Volk“ zu leisten sei – und nicht auf das Grundgesetz.
Die moderne Welt muss den Nationalidentitären ein Graus sein. In ihr haben sich verschiedenste Kultureinflüsse längst vermischt und aus dieser Vermischung wurde jeweils Neues kreiert, ob nun in der Musik, in der Mode, im Kulinarischen, in der Literatur und längst schon in der Kunst. Der Multikulturalismus ist lange schon eine Tatsache. Im weltumspannenden System des Kapitalismus kann das auch gar nicht anders sein. Aber auch rückblickend erscheint die Annahme einer reinen, Raum gebundenen Ethnokultur als reinste Esoterik. Schon seit der Antike ist Europa durch verschiedenste kulturelle Einflüsse geprägt worden. Selbst das von den so genannten Neuen Rechten gerne angeführte Christentum ist ein Import aus Westasien. Und so nimmt es keineswegs wunder, dass die völkische Rechte ihre ethnokulturelle Identität vornehmlich negativ-abgrenzend zu formulieren vermag. So landet sie übrigens sehr wohl wieder im gewohnten Biologismus. Denn das „Wir“, das sind die Deutschen. Wer aber gehört dazu? Wie definiert man denn die deutsche Ethnie? Das „Ihr“ dagegen wird klar benannt. Das sind die Muslime, die Araber, die Afrikaner. Und diese dem „Ihr“ zugehörigen Menschen werden systematisch, permanent pauschal abgewertet, wie auch Sellners Buch beredtes Beispiel gibt.
Dass das politische Denken der so genannten Neuen Rechten zu 100 Prozent dem Grundgesetz feindlich gegenübersteht, ist nur denen nicht einsichtig, denen das scheißegal ist. Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes verbietet die Bevorzugung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Abstammung, ihrer Sprache, ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer religiösen Anschauungen. Genau diese Bevorzugung von als deutsch definierter Gruppen und die Benachteiligung bis hin zur Austreibung ganzer Menschengruppen mit einem bestimmten Migrationshintergrund ist aber die Essenz der ethnopluralistischen Anschauung der so genannten Neuen Rechten.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, verlangt der Artikel 1, Absatz 1, Satz 1 des Grundgesetzes. Diese Forderung ist absolut und bezieht sich auf alle Menschen, woher sie oder ihre Vorfahren auch gekommen sein mögen und welche Weltanschauung sie auch haben. Auch diesen Artikel verletzt die so genannte Neue Rechte mit ihrer Forderung der Beseitigung ganzer, von ihnen definierter Bevölkerungsgruppen eklatant. Dasselbe gilt auch für den Artikel 2, Absatz 1, wonach jeder das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat. Dabei darf er oder sie freilich nicht die Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung anderer verletzen. Genau hier endet also die Freiheit von Weltanschauungen jedweder Art. Wer also etwa aus völkischen oder religiösen Motiven die freie Persönlichkeitsentwicklung von Frauen und Mädchen einschränken will, steht jenseits des Grundgesetzes. Darauf muss sich geeinigt werden können!
Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht dem 1949 in Kraft getretenen Grundgesetz mit Bedacht voran. Er mahnt zur Verpflichtung, dass sich die Menschheitsverbrechen der Nazizeit nicht wiederholen. Diese Verpflichtung gilt auch für das staatliche Handeln, wie in Artikel 1, Absatz 1 ausdrücklich festgehalten wird. Der gesamte Absatz lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Der Staat hat hiernach also die Verpflichtung, die Würde aller Menschen zu schützen und also nicht diejenigen, die ganzen von ihnen definierten Menschengruppen die Anerkennung ihrer Würde verweigern und verletzen! Letzteres aber tat der deutsche Staat, als er am 29. November in Gießen die Neugründung der AfD-Jugend, die sich jetzt gewohnt megalomanisch „Generation Deutschland“ (GD) nennt, ermöglichte. Und diese versucht inzwischen nicht einmal mehr, darüber zu täuschen, wessen politischen Geistes Kind sie ist. So sicher fühlen sich die so genannten Neuen Rechten, so weit haben sie das Sagbare in diesem Land inzwischen nach rechts verschoben. An ihre Spitze stellt die GD daher ganz unbekümmert einen Jean-Pascal Hohm, der auf Facebook ungeniert postet:
„Wir sind Teil einer Bewegung: Pegida auf der Straße, die Identitären auf dem Brandenburger Tor und die AfD im Parlament.“32
Und so geht es weiter wie es endete. Hannes Gnauck, letzter Vorsitzender der im März aufgelösten Jungen Alternative und Bundestagsabgeordneter der AfD, begrüßte die Wahl Hohms, weil dieser nicht nur die Parlamente kenne, sondern auch das politische Vorfeld. Gemeint sind damit aktivistische Organisationen wie die Identitären. Laut Tagesschau lässt Gnauck folgende Sprüche ab wie bei einem Wahlkampfauftritt im letzten Jahr:
„Wir müssen auch wieder entscheiden dürfen, wer überhaupt zu diesem Volk gehört und wer nicht. Es gehört mehr dazu, Deutscher zu sein, als einfach nur eine Staatsbürgerurkunde in der Hand zu haben.“
Und dieses Wir, das darüber entscheiden soll, wer dazugehört und wer nicht, ob sie nun die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder nicht, ist das ethnisch definierte deutsche Volk. Das ist die Grundüberzeugung aller Völkischen.
Gut vernetzt ist Hohm, wie könnte es auch anders sein, mit Björn Höcke, der ähnlich wie Gnauck ins Mikro triumphierte:
„Er wird ein guter Bundesvorsitzender der ‚Generation Deutschland‘ sein. Weil er Brücken bauen kann und im Kontakt mit den Vorfeldorganisationen ist“.
Und natürlich durfte in Gießen auch die Spinne im völkischen Netz nicht fehlen. Der Verleger des rechtsradikalen Antaios-Verlags, Götz Kubitschek, lobte, Hohm gehöre zu den Politikern, die mit einem Bein im vorpolitischen Raum stünden. Der vorpolitische Raum ist für die so genannte Neue Rechte in etwa das, was für Antonio Gramsci die Zivilgesellschaft war. Hierin verortet Kubitschek sich mit seinem einstigen Thinktank „Institut für Staatspolitik“ und dem Antaios-Verlag selbst. In verständlicher Übersetzung freute sich Kubitschek also, dass mit Hohm ein Politiker des völkischen Flügels der AfD Bundesvorsitzender ihrer neu gegründeten Jugendorganisation wurde. Dieser Flügel dominiert inzwischen eh mehr und mehr die gesamte rechtsaußen stehende Partei. Hohm selbst gibt sich inhaltlich auch als Bundesvorsitzender der GD keinerlei Schranken auf. Gegenüber dem RBB erklärt er auch in Gießen ganz offen seine Verbundenheit mit der Identitären Bewegung (IB).33 Wie diese tickt, haben wir ja nun durch die Beschäftigung mit dem politischen Denken ihres einflussreichsten Kopfs, Martin Sellner, bis zum Erbrechen gelernt. Jean-Pascal Hohm wurde in Gießen übrigens mit 90prozentiger Mehrheit zum Vorsitzenden der GD gewählt. Damit dürfte alles gesagt sein.
Die AfD hat sich mit der Neugründung ihrer Jugendorganisation den Zugriff auf diese gesichert. Mitglied in der GD kann nur sein, wer auch Mitglied der Mutterpartei ist. Sie soll als Kaderschmiede der Partei figurieren. Auch das propagiert die AfD ganz offen. Falls die liberale Demokratie in Deutschland also tatsächlich wieder einmal zu Bruch gehen sollte, möge bitte niemand behaupten, das habe mensch nicht voraussehen können.
1 Martin Sellner: Remigration. Ein Vorschlag, Schnellroda 2024, S. 21.
2https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundeslaender/sachsen-anhalt/laendertrend/2025/september/
3https://www.tagesschau.de/investigativ/kontraste/afd-schulen-einflussnahme-100.html 11.11.2025
4https://www.dw.com/de/gauland-nur-ein-vogelschiss/video-44056200 2.06.2025
5https://www.berliner-zeitung.de/news/correctiv-darf-weiter-ueber-masterplan-zur-ausweisung-schreiben-hamburger-landgericht-li.10006605 20.11.25
6 Auch Sellner bezieht sich auf diesen Urvater der so genannten Neuen Rechten, siehe Martin Sellner: Remigration. Ein Vorschlag, Schnellroda 2024, S. 28.
7 Selbstredend bezieht sich auch Sellner affirmativ auf dieses Konzept, siehe Ebenda, S. 29.
8 Ebenda, S. 25.
9https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-10/rechtsextremismus-bjoern-hoecke-afd-fluegel-rechte-gewalt-faschismus, 24.10.2019
10 Martin Sellner: Remigration. Ein Vorschlag, Schnellroda 2024, S. 58 – 78 sowie S. 83 und S. 91 – 92.
11 Ebenda, S. 148.
12 Ebenda, S. 80 – 82.
13 Siehe dazu die Seiten 18 und 147 – 148.
14 Ebenda, S. 13.
15 Ebenda, S.30.
16 Ebenda, S. 30.
17 Ebenda, S. 172, Anm. 45.
18 Siehe ebenda, S. 172, Anm. 40 und S. 34 und S. 36.
19 Ebenda S. 44 – 45.
20 Ebenda, S. 174 Anm. 54.
21 Ebenda, S. 16.
22 Ebenda, S. 17 – 18.
23 Ebenda, S. 21.
24 Elisabeth Zöller: Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens, Frankfurt a.M. 2024 (2023), S. 62.
25 Ebenda, S. 72 – 73.
26 Martin Sellner: Remigration. Ein Vorschlag, Schnellroda, S. 37.
27 Ebenda, S. 37 – 38.
28 Ebenda, S. 38 – 39.
29 Ebenda, S. 40.
30 Ebenda, S. 41.
31 Ebenda, S.42 – 43.
32https://www.ardmediathek.de/video/die-hoecke-jugend-wie-sich-der-radikale-afd-nachwuchs-neu-formiert/die-hoecke-jugend-wie-sich-der-radikale-afd-nachwuchs-neu-formiert/rbb/Y3JpZDovL3JiYl9iNDZjMjcxZi1lZDlmLTRmMTItYTY2NS1lMTBlYWJjMmYwOWNfcHVibGljYXRpb24
33 Die in Gießen oder zuvor am 29. November anlässlich der Neugründung der AfD-Jugendorganisation getätigten und hier zitierten beziehungsweise wiedergegebenen Bemerkungen Gnaucks, Höckes, Kubitscheks und Hohms siehe: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/generation-deutschland-rechtsextremismus-100.html 1.12.25


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